Prof. Dr. med. Andreas Scheider im Gespräch „Den Menschen im Blick“ Im Interview sagt uns Prof. Dr. med. Andreas Scheider, Direktor der Augenklinik, was ihm bei seiner Arbeit besonders wichtig ist.
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Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Andreas Scheider

In der Augenklinik des Evangelischen Krankenhauses Essen-Werden steht das Auge als eines der sensibelsten Organe im menschlichen Körper im Mittelpunkt. Im Interview sagt uns Prof. Dr. med. Andreas Scheider, Direktor der Klinik, was ihm bei seiner Arbeit besonders wichtig ist: für ihn zählt nicht die Diagnose, sondern der Mensch dahinter.

Herr Prof. Dr. Scheider, was ist für Sie das Besondere an Ihrem Fachbereich?

Die Frage hat zwei Aspekte: zum einen ist das Auge beim Menschen das zentrale Sinnesorgan, mit dem wir nicht nur die überwiegenden Eindrücke der Welt wahrnehmen, sondern auch am häufigsten zwischenmenschliche Kontakte, sei es positiv oder negativ, beginnen. Der Blick in die Augen ist meistens entscheidend für den ersten Eindruck eines uns bis dahin Fremden. Der Augenchirurg ist dadurch mehr als jeder andere Operateur doppelt gefordert: er muss sowohl die Erwartungen an den Erhalt oder die Wiederherstellung des Sehvermögens als auch an den Erhalt oder die Wiederherstellung von kosmetischen Aspekten des Auges und der Lider berücksichtigen und diese dann natürlich auch so gut wie eben möglich erfüllen.

„Der Blick in die Augen ist meistens entscheidend für den ersten Eindruck eines uns bis dahin Fremden.“

Prof. Dr. Andreas Scheider

Zum anderen ist auch das Auge als Organ etwas Außergewöhnliches: Als Hohlorgan ist es mit einer relativ derben Außenhülle, der Hornhaut und Lederhaut, von allen anderen Körperstrukturen anatomisch weitgehend unabhängig. Wir haben in den letzten zwanzig Jahren gelernt, Vorteile aus dieser derben Außenhülle zu ziehen, denn sie ermöglicht das weitgehend nahtlose Operieren und dadurch eine vergleichsweise rasche Wiederherstellung. Die hohe Eigenfestigkeit ermöglicht es auch, Augenoperationen beim Vorliegen anderer schwerwiegender Erkrankungen durchzuführen, zum Beispiel auch während einer Krebstherapie, bei der andere Operationen meist nicht möglich wären. Auf der anderen Seite ist das Auge sehr empfindlich gegenüber Infektionen, die sich in dem lediglich flüssigkeitsgefüllten Hohlraum besonders rasch vermehren können, da das Immunsystem im normalen Auge nicht sehr aktiv ist. Eine sorgfältige Infektionsprophylaxe und aufmerksame Wahrung der Sterilität ist darum bei Augenoperationen oberstes Gebot.

Ein weiterer besonderer Aspekt unseres Fachbereichs ist, dass wir mit der Kataraktchirurgie, also der Operation des Grauen Stars, mit Abstand die häufigste Operation in der Medizin durchführen. Auch wir führen diese Operation an unserer Klinik besonders häufig durch und unsere Patienten sind in der Regel sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Das hat für uns den großen Vorteil, dass wir es häufig mit glücklichen Menschen zu tun haben. Andere Disziplinen haben es da oft schwerer. Dieser Segen bringt aber auch den Fluch mit sich, dass Patienten verständlicherweise alle Augenoperationen als überdurchschnittlich erfolgreich einschätzen, obwohl dies bei dem grünen Star, Hornhaut-, Netzhaut- und Makulaerkrankungen nicht in gleichem Maße der Fall sein kann. Immer wieder müssen wir und der Patient bei diesen Erkrankungen damit zufrieden sein, das Sehvermögen zu erhalten, anstatt es wieder zu verbessern. Bei vielen dieser zuletzt genannten Erkrankungen des Auges ist die enge Kooperation mit den anderen Fachdisziplinen in unserem Krankenhaus häufig der Schlüssel zum langfristigen Erfolg. So ist es zum Beispiel wenig erfolgversprechend, bei einem Diabetiker oder Patienten mit Bluthochdruck eine aufwendige Netzhautbehandlung durchzuführen, ohne darauf zu achten, dass auch die Grunderkrankung optimal eingestellt wird.

Welche Erkrankungen behandeln Sie abgesehen vom grauen Star?

Unsere Augenklinik ist überregional bekannt für ihre sehr hohe operative Qualität bei vielfältigen Erkrankungen des Auges, besonders beim grünen Star sowie Netzhaut-, Glaskörper- und Makulaerkrankungen. Darüber hinaus haben wir aber auch seit langem einen sehr guten Ruf in den Bereichen der Hornhaut- und Lidchirurgie und der Behandlung des Schielens. Grundsätzlich bemühen wir uns bei allen Indikationsstellungen zu einer Operation um eine besondere Beachtung der Nachhaltigkeit. Es ist uns wichtig, immer den Menschen hinter der Diagnose im Blick zu behalten.

Die Augenheilkunde ist ein vielseitiger Fachbereich, der sich durch eine hohe Technisierung und Miniaturisierung auszeichnet. Ob Diagnostik oder Therapie, fast alles braucht die Hilfe modernster Computertechnologie und hochauflösender Mikroskope. Die meisten Operationswunden sind nur ein bis zwei Millimeter klein, da ist Perfektion gefragt. Besonders in den letzten zwanzig Jahren hat sich unser Fachbereich stark weiterentwickelt. Heute können wir eine Operation in zehn Minuten durchführen. Während wir in den achtziger Jahren vier Graue-Star-Operationen pro Vormittag durchführten, sind es heute bei gleicher Qualität vier in einer Stunde. Diese hohen Fallzahlen erfordern einen hohen Organisationsbedarf im Bereich der täglichen Abläufe – es fordert jeden einzelnen Arzt, jede einzelne Krankenschwester. Denn trotz schnellerer und erfolgreicherer Operationen haben die meisten Patienten die gleiche Angst und eher mehr Fragen als 1985. Das heißt, jeder Patient braucht und verdient die gleiche Vorbereitungszeit wie früher, wird dann aber viel schneller operiert.

Mit welcher technischen Infrastruktur ist Ihr Fachbereich ausgestattet?

In unserer Augenklinik stehen uns zwei voll ausgestattete Operationssäle zur Verfügung, in denen wir alle in unserem Fach anfallenden Operationen durchführen können – darüber hinaus haben wir einen weiteren OP für kleinere Eingriffe. Zudem verfügen wir über alle notwenigen Therapielaser – sowohl für Nachstar, Netzhaut- und Glaukomerkrankungen – als auch viele Laser in der Diagnostik, sogenannte Laserscanner. Ein wichtiger Bereich der Diagnostik sind Gesichtsfelduntersuchungen, die uns über das reine Sehvermögen hinaus helfen zu erkennen, ob das Sehfeld des Patienten beeinträchtig ist. Damit kann es gelingen, versteckte Glaukome und Erkrankungen des Nervensystems aufzudecken. Auch eine Abteilung für Schielerkrankungen ist an unseren Fachbereich angegliedert, die von einer kompetenten Fachärztin, begleitet von einer sehr fähigen Orthoptistin, geleitet wird.

Welche Bedeutung hat Forschung und Lehre in Ihrem Fachbereich?

Wir sind Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Duisburg-Essen und bilden zurzeit fünf Assistenzärzte aus. Zudem betreiben wir therapiebegleitende Forschung zur Prüfung neuer Verfahren sowie zur Qualitätssicherung und stellen die Ergebnisse regelmäßig auf Kongressen vor.

Wären Sie Ihr eigener Patient – was würde Ihnen während des Aufenthalts auf Ihrer Station besonders gut gefallen?

Wir sind ein nettes Team von Schwestern und Ärzten, die sich um die Patienten kümmern. Dieses Feedback bekommen wir immer wieder. Ein weiterer Pluspunkt sind die frisch renovierten Zimmer und der tolle Ausblick: Wir befinden uns in der fünften Etage und blicken über die Ruhr. Wenn im Herbst die Sonne untergeht, ist es ein traumhaftes Schauspiel. Da stehe ich selbst nach 15 Jahren immer noch gerne am Fenster und genieße für einen Moment den Augenblick. Dieser Blick aus den Patientenzimmern ist sicherlich ungewöhnlich schön für ein Krankenhaus.

Wodurch zeichnet sich das Krankenhaus in Werden insgesamt aus?

KKK – klein, kompetent und kundenorientiert, das ist das, was wir nach außen hin ausstrahlen. Ich sehe das als großen Gewinn. Die Patienten empfinden die kurzen Wege als sehr angenehm und fühlen sich in unserer familiären Atmosphäre nicht so verloren.